Dirk Brömmel - Villa Tugendhat (Theatergalerie)

Donaukurier, 01.02.2010

Schatten der Vergangenheit

Ein Gebäude, 80 Jahre alt, das zu den Meisterwerken der Klassischen Moderne zählt. Eine Familiengeschichte, vom Leid der Nazizeit geprägt. Und Bilder, die beides vereinen in bebender Kongruenz aus damals und heute. Und doch nichts weiter sein wollen als Fotografie.

"Fotografieren bedeutet für mich, die Dinge in ihrem Verschwinden festzuhalten. Ich will die Bewegung der Zeit sichtbar machen", sagt der mehrfach ausgezeichnete Wiesbadener Fotokünstler Dirk Brömmel. Das Vorwort des Katalogs zur Schau: Motto auch der Ausstellung "Villa Tugendhat" in der Theatergalerie.
Schön ist die, tiefsinnig, ästhetisch, melancholisch. Das wäre sie wohl auch, wenn man nichts wüsste von der von Mies van der Rohe entworfenen Villa in Brünn, die hier Modell gestanden hat, und nichts von der jüdischen Familie, die 1929 den Stararchitekten engagierte und schon neun Jahre später, fliehend vor den Nazis, das wundersame Heim verlassen musste. Denn Brömmels Absicht geht auf, über die individuellen Fakten hinaus: Neu und alt, Vergangenheit und Gegenwart, Pracht und Verfall, längst vergangenes Leben und überdauernde Architektur, Fokus und Unschärfe treffen sich in seinen Bildern irgendwo zwischen Sepia, Schwarz-Weiß und blasser Farbe. Werden zu transzendenter Einheit, zu Bildern von Zeit, nicht von Schicksal.

Und doch sind die 25 großformatigen Arbeiten – 44 umfasst die Serie insgesamt – untrennbar mit der Familie Tugendhat und ihrem Haus verbunden, durch ihr Motiv ebenso wie durch ihren Entstehungsprozess. 2002 kam Brömmel in die heute museal rekonstruierte Villa, die selbst eine wechselvolle Geschichte zu erzählen hat. Nach der Emigration der Tugendhats beherbergte sie die Gestapo, wurde von der Roten Armee als Lagerraum benutzt, stellte in der damaligen CSSR Turnsäle für das nahe Kinderkrankenhaus. Innerlich zerstört, geschändet: Kann da noch etwas übrig sein vom kulturellen Geist, von Aufbruchsmut des Hauses und seiner Besitzer? Es kann. "Ein Parfum", nennt es der Fotograf, noch im Raum, wenn die Person schon lang gegangen sei.
Auf seinen Bildern gibt es freilich sogar wirkliche Personen: Fritz und Grete Tugendhat und ihre Kinder. Denn beim Arbeitsaufenthalt in Brünn stieß Brömmel auf alte Familienfotos, die Grundlage wurden für seine Serie. Vom gleichen Standpunkt aus wie einst Familienvater Fritz und wie dieser analog fotografierte er das "Jetzt" und legte beide Aufnahmen später am PC übereinander. Das Alte, verschwommen, zart, diffus, erkennbar Bildausschnitt – und doch mit dem Neuen untrennbares Ganzes. Schatten der Vergangenheit die lesende Grete auf dem Mies-van-der-Rohe-Stuhl im heute gänzlich leeren Zimmer! Sie und die Kinder vor der berühmten Onyxwand, die froh erleuchteten Fensterfronten – vergangen. Und doch da wie ein Duft. Sehenswert!

Von Karin Derstroff