Entspanntes Vergnügen

Donaukurier 16. September 2013
Die Ingolstädter Nacht der Museen lockte an 13 Orte – und stand unter dem Einfluss ungewöhnlicher Frauen.

Ingolstadt (DK) Wenn sie durch ihr Haus führte, flink und gelassen zugleich, dann blitzten ihre blauen Augen und das Publikum hing gebannt an den Lippen dieser kleinen rundlichen, so eloquenten wie herzlichen Frau. Kaum wegzudenken ist Christa Habrich aus dem Medizinhistorischen Museum, und auch jetzt, da die großen farbigen Pylonen vor der Alten Anatomie auf einen Veranstaltungsort der Nacht der Museen weisen, ist sie da. Ist präsent auf dem großen Bildschirm, auf dem die „Querbeet“-Sendungen des Bayerischen Rundfunks mit ihr als Protagonistin laufen, in den Gesprächen unter den vielen Besuchern – und auf dem Porträt, unter dem das Kondolenzbuch für die vergangenen Woche überraschend verstorbene Professorin ausliegt.
Das Programm für die Nacht der Museen hat Marion Ruisinger, Habrichs Nachfolgerin und ihr freundschaftlich verbundene Kollegin („ich hätte sie noch so viel fragen wollen“, sagt sie immer wieder) wegen Habrichs Tod geändert; reden und trinken und sich erinnern und trotzdem Haus und Garten froh genießen soll man heute. Das tut man – und irgendwie passt das atmosphärisch wunderbar in diese Museumsnacht. In der es irgendwie entspannter und essenzieller zuzugehen scheint als in den Jahren zuvor – und die, köstlicher Aspekt, unter dem Einfluss ungewöhnlicher, begabter Frauen steht.

Zum Beispiel Iryna Pryval. 46 Jahre trennen sie von Habrich, eloquent ist die Meisterschülerin von Ottmar Hörl aber schon jetzt. In der Galerie Mariette Haas zeigt die 26-jährige Künstlerin beflockte Arbeiten, Hunde, Falten, Flächen, Klodeckel, Wasserhähne, in aufwendigem Verfahren nahtlos samtig überzogen. „Wenn ich einmal zur Biennale eingeladen werde“, sagt Pryval ohne Scheu – und in der Tat: Steil auf dem Weg nach oben ist die Künstlerin, die diesen jungen Glanzpunkt setzt; alles ist ihr zuzutrauen. Wie schön, dass diesmal Kunst eine so große Rolle spielt in der Museumsnacht.

Gleich drei Vernissagen nacheinander bietet das Museum für Konkrete
Kunst, und wieder ist hier der Name einer Frau entscheidend. Simone Schimpf, neue Leiterin des Hauses, hat aufgeräumt, die Modenschau gestrichen, das Haus komplett entleert und ganz drei renommierten Künstlern – Reto Boller, Eran Schaerf, Martin Pfeifle, – überlassen. Auch dieses Konzept geht auf, bestens sogar. Voller als in den letzten Jahren ist das Museum, nachgefragt sind die Vernissagen, auch zur Musik des Duos Coconami spät nachts strömt Volk zum Schauen in die aufsehenerregend gestalteten Etagen. Auffällig: Viele junge Leute sind darunter, wie auch im Medizinhistorischen Museum, vor der Videoinstallation des Kunstvereins an der Theaterwand, in der Ausstellung des Kunstpreisträgers Ludwig Hauser und – im Heimatmuseum Niemes-Prachatitz. Das nimmt erstmals an der Museumsnacht teil; und Heimatkreisbetreuer Wolfgang Kaiser kann sein Glück kaum fassen, so viele (junge) Menschen füllen treppauf, treppab das Haus.
Eindeutig zu viele wollen dagegen in den Barocksaal des Stadtmuseums, wegen Überfüllung wird geschlossen. Denn aus Marieluise Fleißers Texten lesen drinnen Margret Gilgenreiner und Sascha Römisch. „Als sie noch gelebt hat, hat sich niemand für sie interessiert“, frotzelt sehr wahr eine Besucherin draußen vor der Tür. Und jetzt liefert Fleißer den nächsten wichtigen Frauennamen für die Museumsnacht.
Aber natürlich gibt’s auch Männer. Die mittelalterliche Stadtwache vor dem Stadtmuseum, Richard Gruber, der in der Harderbastei den Hammer zur Kunstversteigerung schwingt (in der Theatergalerie hat sein Verband bereits um 17 Uhr eine Ausstellung mit stadtgestalterischen Visionen seiner Mitglieder eröffnet), den Zauberer Sven Catello im Schulmuseum. Und die Musiker Alexander Glöggler und Philipp Jungk von Double Drums, die zeigen, dass man auch mit Werkzeug aus dem Baumarkt Musik machen kann. Am besten sind die beiden, wenn sie mit den Fan-Schals von Bayern München und Borussia Dortmund an der kleinen Trommel gegeneinander antreten. Da kocht der Saal im Lechner-Museum wie ein Fußball-Stadion – und kurzfristig ist die Nacht der Museen ziemlich laut.

Von Karin Derstroff
und Jesko Schulze-Reimpell