Heiner Thiel - Neue Arbeiten

Donaukurier, 19.03.2011

Erlebbarer Farb-Raum

Ingolstadt (DK) Es leuchtet in der Galerie Mariette Haas, farbsatt und changierend. Die ultimative Monochromie, das tiefste Blau, das hellste Grün, das wärmste Rot strahlen von den Wänden. Ein Maler war hier trotzdem nicht zugange. Mit dem 54-jährigen Heiner Thiel präsentiert die Galeristin einen veritablen Bildhauer – und einen, der bestens in ihr konkret orientiertes Ausstellungsprogramm passt.

Denn die geometrische Form, die ungebrochene Farbe und die Interaktion von Licht und Betrachter sind Grundlagen der Wandobjekte des mehrfach preisgekrönten Mainzer Künstlers. Das klingt akademisch, ist aber von ungeheurer Sinnlichkeit. Und zugleich von einer Schlichtheit, die Staunen macht.
Farbe und Form sind untrennbare Einheit in den Arbeiten Thiels. Quadrate oder Rechtecke aus Aluminium, mal dünnwandig, mal kräftig, biegen sich konkav nach vorn – nicht zufällig, sondern als genau berechnete Segmente gedachter Kugeln. Die Farbe darauf wurde eloxiert; sehr glatt, sehr schimmernd, ideal monochrom füllt sie, nein, ist sie, Innenfläche des Segments. Das ist schon alles, ist das Prinzip jeder der gezeigten Arbeiten, ob sie nun gerade mal 15 auf 15 Zentimeter in der Fläche oder eineinhalb Quadratmeter misst. Dass Thiel zu diesen Maßen auch die der Tiefe angibt – schließlich wölben sich die Arbeiten unterschiedlich von der Wand – ist so logisch wie interpretatorisch. Es geht ja auch um Dreidimensionalität.
Das nämlich ist die Wirkung der maschinell hergestellten Wandobjekte: Erlebbarer Farb-Raum. Mit jeder Wanderung des Tageslichts, mit jedem Schritt aus Betrachterposition ändern sich auch Tiefe und Farbigkeit. Entsteht ein heller Lichtfleck mittig, zeigt sich ein dunkles Schattenwandern, zieht sich die Kubatur zusammen oder weitet sich nach hinten aus. Das schafft Dynamik, eine Vitalität, die so stark ist, dass sie erheblichen Abstand zwischen den Exponaten fordert. Man könnte sagen, die Galerie sei zurückhaltend bestückt. Doch sie ist berstend voll von Licht.

Von Karin Derstroff