"Kunst hat mich immer begleitet"

Seit zehn Jahren führt Mariette Haas Ingolstadts einzige Galerie – Morgen ist Vernissage der Jubiläumsausstellung

Donaukurier, 21.05.14
Ingolstadt (DK) Ihre Markenzeichen sind ihr rotbrauner Lockenkopf und schwarze High Heels, ihre Leidenschaft ist die moderne Kunst. Die hat Mariette Haas 2004 endgültig zur Profession gemacht: Vor zehn Jahren eröffnete sie in einem stimmungsvoll renovierten Altbau gegenüber der Asamkirche die „Galerie Mariette Haas“. „Natürlich bin ich zigmal gewarnt worden, so etwas Aussichtloses zu wagen“, sagt die heute 60-Jährige mit den blitzblauen Augen. „Aber das ist wohl ein Wesenszug von mir, dass ich mich davon nicht beeindrucken lasse, wenn ich weiß, was ich tue.“ Und das wusste sie sehr wohl.

„Blauäugig bin ich da wirklich nicht reingegangen“, erzählt Haas über ihre damaligen Galerienpläne. Schon aus Jugendtagen datiert ihr Interesse für moderne Kunst, zu ihrem und ihres Mannes engstem Freundeskreis gehörten später Galeristen ebenso wie Künstler. „Die Kunst hat uns immer begleitet – und der Besuch der Art Frankfurt war für uns Pflicht!“ Und ja, gemalt hat sie schließlich auch selbst. „Hören Sie auf“, wehrt Haas lachend ab, wenn man auf frühere „zehn Jahre“, nämlich die ihrer Kurse an der Akademie in Trier, zu sprechen kommt und die vielen dort belegten Seminare in Kunstgeschichte. „Eine Künstlerin bin ich nicht. Aber ich kann wirklich“ – ein sehr entschiedener Blick – „gute Kunst von schlechter unterscheiden!“

Die Kunst: Spezialisiert hat sich Haas von Anfang an auf „zeitgenössische junge Kunst ab 1960“; seit einiger Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt zum Konkreten hin. „Aber ich bin nicht nur konkret“, sagt sie und zählt auf: Die gewebten Landschaftsarbeiten Sonja Webers, die kitschig-schönen Plastik-Insel-Bilder Barbara Storck-Brundretts, die wilden Beflockungsobjekte Iryna Pryvals – all das gehört ebenso in ihr Ausstellungsrepertoire wie die konkreten Faltungen von Ben Muthofer, die leuchtenden Farbräume Heiner Thiels oder die Lichtbildobjekte Rolf Vivas.

22 Künstler hat sie mittlerweile unter Vertrag, immer mehr Gastaussteller kommen dazu. „Ich müsste heute nicht mehr suchen gehen“, sagt sie und deutet auf einen Stapel mit Bewerbungsmappen ausstellungswilliger Kunstschaffender. Mit zu verdanken ist dieser Erfolg womöglich auch einem ihrer treuesten Künstler: Dem Nürnberger Akademiedirektor Ottmar Hörl, Meister der seriellen Hasen, Wagnerhunde, Besenstücke, der erst kürzlich wieder mit einer Ausstellung mit faszinierenden Legostein-Arbeiten in Ingolstadt zu sehen war. „Das hat mir sehr geholfen, dass ich einen Künstler wie Ottmar Hörl gleich für eine der ersten Ausstellungen gewinnen konnte“, sagt Haas, die längst ein freundschaftliches Verhältnis mit dem berühmten Professor pflegt.

Aber wie kam es, dass sich Ottmar Hörl „gewinnen“ ließ? Von einer Newcomerin? Für eine bis dato noch gar nicht existente Galerie? Und die auch noch in Ingolstadt, das nicht den Ruf hat, besonders kunstsinnig zu sein? Lebhaft erzählt Haas, wie sie auf der Art Frankfurt magisch von einem blauen Farbmeer angezogen wurde, das sich beim Näherkommen als ein Heer aus 99 blauen Zwergen Hörls entpuppte. Wie sie einen kaufte, signieren ließ. Und später einfach Hörl anrief, um ihm ihr Vorhaben zu vermitteln. „Ich hatte Bammel!“, sagt sie. „Ich hab vorher richtig geübt!“ Offenbar mit Erfolg: Bereits im Herbst 2004 stellte Hörl erstmals bei ihr aus – und kommt seither immer wieder.

60 Ausstellungen hat Haas mittlerweile ausgerichtet – in diesen zehn Jahren, an die niemand außer ihr und ihrer Familie wohl so richtig glaubte. Alle vorher waren in Ingolstadt schließlich gescheitert oder hatten sich zurückgezogen: Hille Gauss, die ihre Galerie im Velhornhaus mithilfe von Antiquitäten im Angebot betrieb, Vaclav Nemec, der am selben Ort wie Haas heute Grafik zeigte und Rahmen verkaufte, Anni Batz, die für ein, zwei Jahre mit ihrer Galerie im Posthamerhaus Akzente setzte oder Lothar Kurz, nach wie vor mit seiner Galerie in Lenting beheimatet, der ein kurzes Zwischenspiel in der Stadtmitte gab. Ist Ingolstadt tatsächlich so ein schwieriges Pflaster für Galerien? Haas kommentiert gelassen: „Meine Saarlouiser Galerienfreunde sagen, dass es in Saarlouis besonders schwierig ist, die Karlsruher erzählen, dass es dort besonders schlimm ist. Kunst zu verkaufen ist überall schwierig.“

Und noch dazu arbeitsintensiv. Ein Fulltime-Job mit viel Kontaktpflege, Reisen zu Kunstmessen und vor allem jeder Menge Verwaltung von Buchhaltung bis zu Versicherungsverhandlungen ist die Führung einer Galerie. „Die Arbeit habe ich vor zehn Jahren wirklich unterschätzt“, gibt Mariette Haas zu. Doch nun kommt Hilfe: Soeben ist ihre Tochter Lena in die Geschäftsführung mit eingestiegen – „mit neuen Ideen und Konzepten“ und womöglich nicht nur für die nächste Dekade. „Also zeitlich haben wir uns keine Begrenzung nach vorne gesetzt“, sagt Haas und lacht.

Von Karin Derstroff