Marina Herrmann - Standorte

Ingolstadt (ksd) 12.09.2009

Dickicht der Städte

Tokio, Shanghai, Dubai, Sao Paulo – was bleibt von solchen Reisen? In diesem Fall: Linien und Rhythmen, Licht und (Un)Farbe, Verfremdung und Fremdheit. In der Galerie Haas zeigt die 48-jährige Kölner Künstlerin Marina Herrmann derzeit Fotoarbeiten und Malerei aus ihrem 2008 begonnenen Projekt "StandOrte"; will damit abstrakt die individuellen Anmutungen der Städte im entindividualisierten globalen Höher- und Weiterstreben von Fassaden und Großstadthybris, von Architektur und Kultur untersuchen. Eine Antwort liefert Herrmann, als Galeriekünstlerin zum dritten Mal vorort, mit ihren Werken nicht ("das ist die Aufgabe anderer"), wohl aber strukturelle Foto-Bildkästen von klein bis groß: die Megacity en detail, konkret, und doch bisweilen rätselhaft wie ein Orakel.

Dazu muss Herrmann nicht einmal massiv in die eigene Vorlage eingreifen: Zwar bearbeitet sie ihre Fotografien am PC, doch hauptsächlich farblich. Nimmt da mal Tönung weg ins unwirkliche Grau, wirft dort einen rosa Schleier übers Format. Ihre Ausschnitte aus dem Moloch, ihr Blick für das Spezielle, für das erstaunliche Moment im ganz profanen Großstadtarchitektonischen – seien es ein ungewöhnliches Zusammentreffen von Rhythmen, Neonschildern oder eine unerwartet auftauchende Skulptur – geben die Kunst in ihren Arbeiten vor. Die sind übrigens immer auf hölzerne Kästen aufgezogen und auch meistens schmal und hochformatig – körperhaft wie die Hochhäuser, die die Zentren von Geld und Macht beherrschen. Und eine weitere Gemeinsamkeit: Mit einer farblosen Lackschicht, in der der Pinselstrick noch sichtbar ist, sind alle Werke übermalt.

Denn die akademische Künstlerin, die in München Malerei und Grafik studierte, arbeitet auch in und mit der Fotografie malerisch. Schafft nicht nur die gleiche Oberfläche, lässt sich nicht nur von Strukturen und Linien ihrer Ablichtungen zu eigenständiger Malerei inspirieren – einzelne kleine Bildkästen mit blassen, fast ornamentalen, indes sehr rhythmischen Pattern akzentuieren die Fotoarbeiten – sondern kombiniert mitunter auch beides, Digitalprint und Malerei, in einem einzigen Werk. Das sind die großen, diesmal nicht hochkantigen Formate, die im Hauptraum der Galerie eingezogen sind. Farbflächen, nacktes Holz, Fotografie: Als konkretes Puzzle wollen diese Werke Räume öffnen, "StandOrte" erweitern, eins werden als Kunst. Das ist Versuch, Experiment, Eigenes. Ein honorabler Weg. Auf dem Herrmann indes mit den zeitgeistigen "StandOrten" doch manchmal ein wenig abzudriften scheint.