Martin Brüger mehr + weniger

Donaukurier, 19.05.2011

Ist das Kunst oder kann das weg ?

Ingolstadt (DK) Eine Joghurtmaschine ist (k)eine Joghurtmaschine, wenn sie in die Hände von Martin Brüger fällt. Dann nämlich wird sie – ja, was? Pure Form? Ästhetisches Zitat? Konkrete Kunst? Oder alles und gleichzeitig nichts davon? "mehr + weniger" nennt der 46-jährige Dortmunder Künstler aus gutem Grund die Ausstellung in der Ingolstädter Galerie Mariette Haas mit jenen Objekten.

Im Rahmen der großen dreigeteilten Nachhaltigkeitsausstellung "Zur Nachahmung empfohlen!" ist sie zu sehen. "Ich mach doch keine Recycling-Kunst", soll sich Brüger zunächst gegen diese Einbindung verwahrt haben; ein wenig zufällig scheint sie in der Tat. Brüger war 2009 im Kunstverein Ingolstadt präsent, wo er die augen- und gleichgewichtsverwirrende Rauminstallation "Auf schwankendem Boden" realisierte. Im Juni ist er mit dieser Arbeit auch Gast des "Szenewechsels" im Museum für Konkrete Kunst, das gerade drei der Joghurtmaschinen kaufte. Ob aufgrund der nun aufs rein Farbformale reduzierten Maschinen als Konkrete Kunst, oder der modernen Designklassiker wegen, die den Joghurtmachern zugrunde liegen, als Designobjekte, sei dahingestellt. Nein, in die Nachhaltigkeitsschau passt Brüger nicht, ins Konzept des Museums und des Kunstvereins aber allerdings.

Denn genau diese Fragen – ist das Design, ist das Kunst, ist das nichts? Und wird es das eine, das andere, das dritte, je nachdem, wo man es platziert? – stellt Brüger mit seinen Objekten. Ein Bräunungsgerät aus den 70ern (nun mit grünem Neonlicht in der Mitte), ein weißes Hängeküchenschränkchen selben Datums (ragt jetzt aus leuchtender blauer Platte) und die ebenfalls alten Joghurtmaschinen – in Brügers Bearbeitung, die die gefundene Alltagsform zur Hälfte benutzt und die zweite Hälfte dazubaut in perfekter farbformaler Harmonie, werden sie zweckfreie Zwitterbeauties, die definierte Zuordnung verlangen. Und also zu Überlegungen über die Form an sich. Schade nur, dass Brüger im Rückblick auf vergangene Jahre, ihre Ära, gründelt (wo sonst gäbe es dieses Orange und Braun!). Das wäre interessant: Heutigem Alltagsdesign die ästhetische Kunst-Form anzuhängen. So bleiben schöne, ein wenig nostalgische Objekte.

Ganz anders verhält es sich mit den Museumsfotografien in der Schau, ausgeprägten Querformaten auf Plexiglas, die etwa "Rastende Bauern auf dem Weg zum Markt" heißen – und das nicht zeigen. Der Titel dieser Arbeit stammt von einem Bild, das an einem der abfotografierten Musemswände hing, von dem aber wie von allen nur noch der Rahmen geblieben ist. Sorgsam hat Brüger alle "echten" Bilder aus dem Format geschnitten, eine Tapete hinter dem Glasträger, die ihn seitlich weit überragt, stellt nun den Inhalt meisterlicher Werke. Mal Streifen, mal Kringel, mal Struktur füllen die kleinen Rahmen, in einer Gesamtansicht, die für sich allein schon durch ihre Perspektive heftige Räumlichkeit beschört. Einen Blick hinein ins Kunst-Museum und seine verzweigten Tiefen tut der Fotograf – und stellt mit den gerahmten Pattern dessen Kunst stiftende Funktion zugleich zur Diskussion. Das ist gescheit, komplex, ästhetisch – und motiviert, auch Brügers Objekte verstehen zu wollen.

Von Karin Derstroff