Sonja Weber - Gewebte Momente

Donaukurier, 30.11.2012
Ingolstadt (DK) Gischt sprüht, die Wellen überschlagen sich. Das Wasser scheint direkt aus dem Bild zu drängen, ohne jedoch bedrohlich zu wirken. Die Kraft des Atlantik hat Sonja Weber für das größte Bild ihrer Ausstellung „Landschaft – Bilder aus Kette und Schuss“ eingefangen.

Die Galerie Marietta Haas zeigt 13 Werke der Münchner Textilkünstlerin, die ihre fotorealistischen Bilder nicht malt, sondern webt. „Gewebte Bilder hat so schnell keiner“, meint Marietta Haas, „das hat mich so fasziniert, dass ich die Künstlerin in mein Programm aufgenommen habe.“ Auf den ersten flüchtigen Blick wirken die Exponate wie Gemälde oder Fotos. Letztere bilden tatsächlich die Grundlage ihrer Werke. Ob sie den Atlantik oder die Alpen überquert oder sicham Mittelmeer befindet – Sonja Weber hat die Kamera dabei. Ihre Jacquardgewebe sind alle Unikate, werden am Computer programmiert und sind so fein gewebt, dass die Fäden erst beim Nähertreten oder beim Blick von der Seite sichtbar werden. Wie die Fresken in der nahegelegenen Asamkirche spielen auch Webers Werke mit Perspektiven. Wechselt der Betrachter seinen Standort, so wandern die Wellen mit, Berge scheinen höher und mächtiger zu werden. Im dritten Ausstellungsraum der Galerie geht es dagegen verspielter zu. Glitzernde Sonnenstrahlen erzeugen ein funkelndes Lichterspiel auf sanften Wellen. Einen Titel hat die Künstlerin den fünf Werken hier nicht gegeben. Dem Galeriebesucher drängen sich unwillkürlich Assoziationen mit Mittelmeer, Sonne und Sand auf. „Gewebte Momente“, kommentiert Haas und ergänzt, diese Stimmung habe wohl jeder schon einmal selbst erlebt. Fehlt nur noch ein leichter Salzgeruch, ein wenig Wind in den Haaren und sanftes Wellenrauschen. „Mein Fokus liegt auf dem unwiederbringlichen Augenblick, den es so nie wieder geben wird“, sagt Sonja Weber selbst über ihr Werk. Seit 14 Jahren arbeitet sie mit Wasser als Motiv, hat tausende von Fotos geschossen, die nur selten einander ähnlich, nie aber gleich sind. Ort, Zeit, Lichteinfall auf die Wasseroberfläche und der eigene Standort beeinflussen das Ergebnis, das sie in Ausschnitten noch einmal fokussiert.

 

Alle Exponate sind in Schwarz-Weiß gehalten, und wenn der Betrachter von der Seite auf die auf Keilrahmen gespannten feinen Gewebe blickt, dann lösen sich die Bilder in grafische Motive auf. „Dazwischen“ nennt Sonja Weber die Werke im zweiten Raum. Aber nicht, weil sie zwischen Atlantik und Mittelmeer angesiedelt sind, sondern weil die Vorlagen aus dem fahrenden Auto heraus geschossen wurden. Ein schnee- behangener Baum mit leicht verwischten Konturen und schwarze, knorrige, blattlose Bäume in weißer Winterlandschaft bilden einen starken Kontrast zu den verspielten oder kraftvollen Meeresstudien. Sonja Weber in der Galerie Haas – eine faszinierende Ausstellung.

 

Ein Künstlergespräch findet am Samstag, 1. Dezember, um 15 Uhr in der Galerie Haas, Neubaustraße 2, statt. Die Ausstellung ist bis 22. Dezember zu sehen.

Von Andrea Hammerl