Stadt der Engel

Foto: Strisch

Donaukurier, 30.11.2013
Ingolstadt(DK) Goldene Schutzengel bevölkern die Ingolstädter Innenstadt. Mit nachdenklichem Blick beobachten sie das Treiben unter sich. Manch einer fragt sich, woher die Himmelsschar gekommen ist.

Wer bei einem Spaziergang durch die Stadt den Blick Richtung Himmel hebt, kann sie manchmal sehen: Engel. Sie sitzen an Hausfassaden und blicken versonnen auf das Treiben in den Straßen hinunter. Die Engel landeten vor sechs Jahren in der Stadt. Mehr als 60 waren es. Sie ließen sich auf dem Balkon des Alten Rathauses nieder, saßen auf dem Kreuztor und bevölkerten die Fassaden des Kamerariats, des Georgianum und der Theresienstraße 24. Dort sitzen sie noch heute, genauso wie vereinzelt an einigen anderen Stellen in der Stadt. Überall sonst sind sie wieder abgeflogen.

Mariette Haas hat die Engel nach Ingolstadt geholt. Die Ingolstädter Galeristin hat den Künstler und Präsidenten der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg Professor Ottmar Hörl damals für die Ausstellung „Goldrausch“ in Ingolstadt gewonnen. In Absprache mit der Stadt und unter Beachtung denkmalschützerischer Belange installierte Hörl in der Schanz die Engel an verschiedenen Gebäuden in der gesamten Innenstadt. Natürlich wurde auch das Tilly-Haus in der Neubaustraße, wo die Galerie Haas residiert, im November 2007 mit den Himmelsboten versehen. „Das hatte und hat aber nichts mit Weihnachten zu tun“, betont Haas, die seit der Gründung ihrer Galerie 2004 immer wieder mit Hörl zusammenarbeitet. Die nächste Ausstellung des Künstlers ist ab dem 14. Februar in der Schanz zu sehen.

Nach der Ausstellung „Goldrausch“ verschwanden die Engel wieder. Einige Fans allerdings hatten Figuren gekauft und so prangt so mancher Engel jetzt als künstlerische Privatinitiative an den Ingolstädter Fassaden. „Das freut mich natürlich“, sagt Hörl. Anders als etwa seine bekannten, frechen Gartenzwerge oder die Wagner-Installation, die er anlässlich des 200. Geburtstages des Komponisten in diesem Jahr in Bayreuth realisiert hat, seien die Schutzengel weniger ironisch. „Manche Menschen kaufen sich einen Schutzengel, weil ihre Frau im Krankenhaus liegt“, berichtet er. „Großeltern lassen ihn zum Schutz an der Fassade ihrer Enkel anbringen.“

Tatsächlich „wirken“ die Engel, ist Hörl überzeugt. Schließlich sei die Idee eines Schutzengels weltweit und über die Grenzen von Kulturen hinweg bekannt. „Ein Schutzengel kann die Angst nehmen.“ Er sei eine Metapher und stehe für ein Grundvertrauen in etwas, das „da ist, wenn man es braucht, ob man daran glaubt, oder nicht“. Andere freilich sähen in den Engel einfach nur „Edelkitsch“, räumt Hörl ein. Aber damit kann sich der Künstler ebenfalls gut abfinden. „Man muss das alles ja auch nicht so ernst nehmen“, sagt er. „Menschen, die das tun, werden depressiv.“

Hörls Schutzengel blicken eher nachdenklich in die Welt. Versonnen blicken sie auf das Treiben der Stadt hinunter. So als überlegten sie, wie sie „den Wahnsinnigen da draußen überhaupt noch helfen können“, wie es Hörl zur Ausstellungseröffnung im Gespräch mit dem DONAUKURIER erklärte. Selbstredend hängen am Tilly-Haus ebenfalls noch etliche Figuren, obwohl Haas eigentlich nicht an Schutzengel glaubt. Andererseits: „Hier hat es schon zwei Einbruchversuche gegeben. Es ist aber nie gelungen, etwas zu stehlen“, überlegt sie. „Vielleicht helfen sie ja doch. . .“

Von Johannes Hauser