Vielfalt im Doppelpack

Donaukurier, 19.11.2013
Ingolstadt (DK) Ben Muthofer hat sich schon einmal die Nase an einer Acrylglasbox platt gedrückt. Beim Versuch, hinter das Geheimnis der raffinierten Faltungen von Peter Webers Arbeiten zu kommen. Und den meisten Besuchern der Ausstellung in der Ingolstädter Galerie Mariette Haas wird es nicht anders gehen.


Foto: Rössle

Aus einem Stück dicken, hellen Filzes sind die hoch komplexen und schwer durchschaubaren Werke gelegt, bilden Horizontale und Vertikale, ergeben ein breites Netz, sind geschichtet oder vielfach gewendet. Verkörperte Flächen. Mal 1,12 auf 1,11 Meter groß, mal auch nur 30 auf 30 Zentimeter. Deswegen aber auch nicht leichter nachzuvollziehen. Der 69-Jährige stellt aktuelle Arbeiten aus, gemeinsam mit dem Ingolstädter Künstler Ben Muthofer. Einem anderen Meister der Faltungen.

Dass sie das nicht zum ersten Mal machen, dass sie sich kennen und das Werk des anderen schätzen, dass sie eine Freundschaft verbindet, war auch beim Künstlergespräch bei der Vernissage, das Simone Schimpf, Leiterin des Museums für Konkrete Kunst, moderierte, augenscheinlich. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass Weber „einmal die positive Seite des Filzes“ zeige, wie Muthofer spitzfindig bemerkte.

Die beiden renommierten Vertreter der konstruktiv-konkreten Kunst verbindet so viel, wie sie trennt. Beide lieben die Reduktion, das Minimum an Form und das Maximum ästhetischer Wirkung, beide haben ihren Weg über die raumbildende und raumgreifende Op-Art genommen, wenn auch anders weiterentwickelt. Beide arbeiten mit sperrigem oder massivem Material, dem sie mit ihrer Technik und der Gestaltung eine Leichtigkeit oder Rätselhaftigkeit verleihen. Und beide sind von der mathematischen Vielfalt geometrischer Formen fasziniert. Und da beginnen auch schon die Unterschiedlichkeiten. Im unmittelbaren Gegenüber einzelner Werke kann man sich in der erhellenden Schau auf künstlerische Spurensuche begeben.

Ben Muthofers Werk ist eine Hommage an das Dreieck, das er in unendlichen Variationen und Variabilitäten thematisiert. Die gefalteten Dreiecksflächen etwa hat er nach mathematischen Regeln, Goldener Schnitt oder Fibonacci-Folge, gestaltet, dem weißen Stahl die Schwere durch Teilung, spiralförmige Drehung oder aufgefächerte Einschnitte genommen. Spielerisch und konzentriert gleichermaßen. Wichtig sind dem 76-Jährigen als Konstruktionselement Licht – und Schatten, die den Objekten und Plastiken eine filigrane Leichtigkeit verleihen.

Peter Weber hingegen geht vom Quadrat aus, zeichnet auf der Rückseite vor, arbeitet sich von hinten an das Objekt heran. Sein Schaffensprozess ist ein Werden und Wenden mit einem – teils auch für ihn – überraschenden Ergebnis. Und da sind er und Muthofer wieder beisammen: Beide bieten visuelle Abenteuer.

Von Katrin Fehr